Dienstag, 24. Oktober 2017

Eine Weinflasche beim Wandern

Ein Weißburgunder entdeckt sein Glück auf dem neuen Traumpfädchen Moseltraum

Als Weißburgunder liebe ich es kühl und dunkel. Normalerweise verbringe ich den Tag in meinem heimeligen Schrank. Doch heute wurden auf einmal die Türen geöffnet und die Lichtstrahlen durchbohrten meinen Körper. Bevor ich mich versah, landete ich durch Papa Hermanns Hände in einem Seitenfach des großen Wanderrucksacks. Na toll, dachte ich. Ein Wanderrucksack bedeutet wohl, dass ich bald geöffnet, leergetrunken und am Ende in einem Container voller Glas landen werde. Nicht gerade eine rosige Aussicht, doch die Infotafel des Weges gibt mir Hoffnung. 

Umhüllt von der kühlen Herbstluft, die über den Parkplatz weht, strahlt mir das Wort „Traumpfädchen Moseltraum“ entgegen. Wenigstens sollte ich meine letzten Stunden also auf dreieinhalb traumhaften Kilometern verbringen. Und so werde ich bereits in den ersten Minuten zur Weilsbornquelle geführt, an der mir das Sprudeln des Wassers beruhigend in den Ohren tönt. Auf einem schmalen Pfad führt mich Papa Hermann im Seitenfach des Rucksacks durch ein Wäldchen. Lichtstrahlen dringen durch das Blätterdach und tauchen den vor uns liegenden Pfad in ein gold-rotes Blättermeer. Von dort geht es direkt ins Grüne. Neben mir türmen sich die Weinreben auf. Ich fühle mich wie zuhause.

Die uralten Weinbergsmauern zeugen von unseren Wärtern der Vergangenheit und erinnern mich daran, wie ich mir früher selbst Geschichten über die vorbeiziehenden Wanderer ausdachte. Während ich in Erinnerung an meine Kindheit schwelge, wird Papa Hermanns Atem durch den steilen Hang zur Domgartenhütte lauter. Aber die Aussicht, die uns oben erwartet, raubt auch mir den Atem: friedlich windet sich die Mosel durch das Tal entlang der steilen Weinberge. Ich glaube, ich träume. Während die folgenden Ausblicke auf das Moseltal mich immer wieder in eine Traumwelt entführen, vergesse ich vollkommen, dass dies meine letzten Stunden sein sollten. Doch da reißt mich auch schon ein stechender Schmerz zurück in die Wirklichkeit. Während mein Korken entfernt wird und sich leise die Gläser füllen, verliere ich das Bewusstsein. Der wohl schönste Ausblick im Rhein-Mosel-Eifel-Land verschwimmt um mich herum. 

 

Als ich aufwache, umgibt mich ein vertrauter Geruch. Wieder im Seitenfach des Wanderrucks blicke ich auf einen Mann, der Papa Hermann nach seinem Lieblingswein fragt. Ich gleite in Papa Hermanns Hände: „Den hier mag ich am liebsten.“ Zielstrebig schreitet der Winzer auf das Weinregal zu und greift beherzt nach einer Flasche Riesling. Sofort ist es um mich geschehen. Die Silhouette des Rieslings verzaubert mich und gemeinsam mit dieser Traumflasche im anderen Seitenfach geht es durch die engen Gassen von Winningen. Wie bei einer Hochzeit stehen die kleinen Fachwerkhäuser mit ihrem Blumen- und Rebenschmuck Spalier. 

Schatten